Interview

Stärkere Anreize für mehr Wettbewerb um die beste Versorgung nötig

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Professer Klaus Jacobs
Geschäftsführer Wissenschaftliches
Institut der AOK (WIdO)

Warum brauchen wir einen Wettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung?

Jacobs: Leider weist die Gesundheitsversorgung in der GKV zahlreiche Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsdefizite auf, insbesondere an den Schnittstellen zwischen einzelnen Versorgungssektoren, aber keineswegs nur dort. Ein wesentlicher Grund dafür sind die plan- und kollektivwirtschaftlichen Steuerungsinstrumente innerhalb der Sektoren, die einer Orientierung der Versorgung an den Bedürfnissen der Patienten vielfach entgegenstehen. Zudem werden sie den wachsenden regionalen Disparitäten immer weniger gerecht. Deshalb brauchen wir dringend mehr dezentrale und flexible Instrumente der Versorgungssteuerung. Dabei kann und sollte forcierter Vertragswettbewerb eine zentrale Rolle spielen, speziell natürlich in Ballungszentren und dicht besiedelten Regionen, in denen der Großteil der Versicherten lebt.

Welche Rahmenbedingungen sind dafür notwendig?

Jacobs: Damit Wettbewerb als Steuerungskonzept funktioniert und seine Potenziale im Interesse der Versicherten und Patienten entfalten kann, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Zum einen müssen die Handlungsanreize stimmen, das heißt, es muss für alle Akteure erfolgversprechend sein, sich im Vertragswettbewerb aktiv um eine Verbesserung von Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung zu bemühen. Zum anderen müssen den Vertragsakteuren zugleich aber auch genügend Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, um ihre Vorhaben in die Praxis umzusetzen. Probleme sehe ich derzeit vor allem bei den Anreizen. Das gilt gleichermaßen für Krankenkassen und Leistungserbringer, die es sich vielfach in den "kollektiven Hängematten" der Versorgungssektoren bequem gemacht haben. Eine Forcierung des Vertragswettbewerbs erfordert deshalb zugleich einen Rückbau der verpflichtenden Kollektivregelungen, insbesondere des bestehenden Kontrahierungszwangs.

Wie schätzen Sie die Chance ein, dass der Wettbewerb um die beste Versorgung auch wirklich gelingt? Was ist dafür zu tun?

Jacobs: Aktuell schätze ich die Chancen eher zurückhaltend ein, denn das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit zentraler Plan- und Kollektivwirtschaft scheint bei vielen Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik nach wie vor unerschütterlich. Zudem hält sich der ökonomische Druck in Grenzen, denn wir können uns die Finanzierung von Überkapazitäten und medizinisch fragwürdigen Leistungen offenbar noch immer in erheblichem Umfang leisten. In der politischen Rhetorik - gerade auch im Rahmen von Wahlprogrammen - spielt Wettbewerb eine große Rolle. In der Versorgungsrealität kommt davon allerdings nicht viel an, weil die Politik niemandem wehtun will. Deshalb ist vor allem mehr Mut in der Politik gefragt - so ähnlich wie vor 25 Jahren, als die freie Krankenkassenwahl eingeführt wurde.