3. Juli 2017 Berlin

Medikamente für die Rente

Portrait Erwin D. Drüggelte, Experte
Als Erwin D. Drüggelte macht sich unser Autor Thomas Rottschäfer Gedanken über das Gesundheitswesen. Der Allzweckexperte geistert auch durch seinen Blog satzverstand.de.

Gesundheit! Es heißt ja immer, dass die Pharmaindustrie sich ständig neue Krankheiten einfallen lässt, gegen die sie dann Medikamente anbieten kann. Da hätte ich mal einen konkreten Vorschlag: Morbus Renteninfo. Mediziner bezeichnen den Zustand als phobische Schreckattacke. Deutlichste Symptome sind atemloses Herzrasen und akute Fassungslosigkeit. Ausgelöst wird der Schockzustand jedes Jahr aufs Neue, wenn die Rentenversicherung mitteilt, wie weit sich die Rentenkaries schon durch die Hamsterbackenzähne gefressen hat.

"Versorgungslücke" heißt das possierlich in der Renteninfo. Mein Zahnarzt würde jetzt fragen: Mut zur Lücke, Brücke oder Implantat? Übersetzt ins Rentendeutsch: Weltspartag, Riestern oder Rürup? Aber wer will schon bis ans Ende seiner Tage auf Provisorien kauen. Ich nicht. Deshalb setze ich jetzt auf Medikamente für die Rente. Das ist sicherer als Gold seit hierzulande die Preise für neue Pillen das schon ziemlich sportliche Mondniveau überschritten haben.

Das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi® zum Beispiel. Da hat eine einzige Pille nach der Markteinführung 700 Euro gekostet. Gut, die Spielverderber von den Krankenkassen haben den Preis dann auf unter 500 Euro pro Tablette gedrückt. Meine Rentenpunkte können da trotzdem nicht mithalten. Ich habe - pssst - 14 Packungen á zwölf Stück in meinem Schließfach in der Schweiz. Und dazu noch ein paar Schachteln Harvoni®, Eliquis® und Eylea® - alles echte Raketen für einen goldenen Ruhestand. Gottseidank fallen ja Medikamente immer noch unter das Bankgeheimnis.

Wie alle Geheimtipps ist das Ganze nicht ohne Risiko. Denn leider gibt es dieses AMNOG. Ausgerechnet FDP-Minister Fips Rösler hat das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz auf den Weg gebracht. Seitdem gibt es gute Preise nur noch für tatsächlich gute Besserung. Wer bloß ein paar Moleküle auf Links dreht und das Mittel dann als neu verkauft, den setzt der Gemeinsame Bundesausschuss in Berlin zu den Nachahmern ins Generikaregal.

Doch selbstverständlich hat die emsige Pharmalobby in Berlin nicht umsonst das AMNOG-Armageddon an den Reichstag gemalt. Deshalb dürfen die Pillendreher den Preis für ein neues Medikament immer noch ein ganzes Jahr lang völlig frei bestimmen - vollkommen egal, ob es den Patienten am Ende tatsächlich etwas bringt. Fällt das Produkt dann bei der Bewertung durch, kann man das Molekül halt wieder auf Rechts drehen und das Mittel neu auf den Markt bringen. Genial - und goldrichtig für meine Rentenstrategie.
 

Sollten Sie sich für meine Taktik gegen die Versorgungslücke interessieren, empfehle ich Ihnen eine Anlageberatung durch das Wissenschaftliche Institut der AOK. Im Herbst erscheint der neue Arzneiverordnungs-Report mit TOP-Anlagetipps.

Gute Besserung,
Ihr Erwin D. Drüggelte