11. August 2017, Berlin

Der Wartezimmer-Wahlkampf ist eröffnet

Portrait Erwin D. Drüggelte, Experte
Als Erwin D. Drüggelte macht sich unser Autor Thomas Rottschäfer Gedanken über das Gesundheitswesen. Der Allzweckexperte geistert auch durch seinen Blog satzverstand.de.

Gesundheit! Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass der Bundestagswahlkampf bisher schlapp, ja fast depressiv daherkommt. Alles dreht sich nur um Diesel. Aber das wird sich jetzt ändern. Denn endlich hat die Freie Ärzteschaft (FÄ) ihre traditionelle kritische Wartezimmerkampagne zur Bundestagswahl eingeläutet.

„Für die meisten Bürger ist Gesundheit ein ganz wichtiges Thema, und für uns Ärzte auch“, heißt es in der Info zum Kampagnenstart. Dass sich selbst Ärzte für Gesundheit interessieren, finde ich als Patient nicht unwichtig. Doch es wird natürlich noch konkreter: „Niedergelassene Ärzte behandeln 90 Prozent aller Krankheitsfälle.“ Und wie dankt ihnen das die Solidargemeinschaft? „Die Krankenkassen gerieren sich weiter als Sparkassen der Republik und investieren nur noch 15 Prozent ihrer Ausgaben in die ambulante Medizin“, klagen die freien Ärzte.

Nun wollen wir an dieser Stelle nicht kleinlich darauf bestehen, dass der Anteil der Krankenkassenausgaben für die ambulante ärztliche Versorgung tatsächlich 17,36 Prozent beträgt (2016), dass dies im letzten Jahr 36,5 Milliarden Euro entsprach und damit 7,8 Milliarden mehr als noch vor fünf Jahren.   

Nein, um den Wahlkampf auf Trab zu bringen, schenke ich der Freien Ärzteschaft ein bisschen PR-Beratung und bringe die nicht konsequent zu Ende formulierte Forderung mal auf verständliches BILD-Format: Wer 90 Prozent gibt, verdient 90 Prozent! Wir fordern eine Million Euro pro Jahr für jeden niedergelassenen Arzt!*

Das ist doch mal ein klares Wort. Damit träten die freien Ärzte endlich aus dem Kampagnenschatten der Apotheker heraus, die gerade ihr Wahlradar Gesundheit scharf gestellt haben. Dabei geht es den Apothekerverbänden selbstverständlich nicht um Eigeninteressen, sondern mindestens um die Menschen. Deshalb fühlen ortsansässige Pharmazeuten jetzt in 299 Wahlkreisen den Bundestagskandidaten auf den Zahn. Sie wollen damit beileibe niemanden unter Druck setzen, da sei der heilige Lobbinian vor. Die Antworten der Damen und Herren Kandidaten werden lediglich auf der Wahlradar-Website veröffentlicht. Selbst schuld, wer sich nicht an Tempo 0 beim Arzneimittelversandhandel hält und in die Radarfalle rauscht.

Zum versöhnlichen Abschluss ein zuzahlungsfreier Rat an alle Patienten unter Ihnen: Seien Sie vorsichtig, wenn Sie im Wahlkampf oder andernorts im unwegsamen Gesundheitswesen in den Mittelpunkt gestellt werden. Da stehen Sie nun wirklich allen im Weg und werden garantiert überrollt.

Gute Besserung,
Ihr Erwin. D. Drüggelte
 

*Zum groben Nachrechnen: 2016 haben die Krankenkassen mehr als 210,36 Milliarden für Gesundheitsleistungen ausgegeben. 90 Prozent davon entsprechen etwa 189,32 Milliarden Euro. Bei 169.866 ambulant tätigen Ärzten und Psychotherapeuten (31.12.16, Quelle: KBV) macht das pro Kopf 1,114 Millionen Euro.