25. August 2017

Duden-Debakel: Wo bleibt der Morbi-RSA?

Portrait Erwin D. Drüggelte, Experte
Als Erwin D. Drüggelte macht sich unser Autor Thomas Rottschäfer Gedanken über das Gesundheitswesen. Der Allzweckexperte geistert auch durch seinen Blog satzverstand.de.

Gesundheit! Oder vielmehr Frechheit! Von der Duden-Redaktion nämlich, die auch in der jüngsten Fassung ihres angeblichen Standardwerkes den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich schmählich unterschlägt. Selbst ohne Morbi findet sich in Auflage 27 kein RSA. Dabei wäre zwischen Risikoschwangerschaft und Risi-Pisi noch reichlich Platz gewesen.

Stattdessen wimmelt es unter den 5.000 neu in den Duden aufgenommenen Begriffen von Selfies, Emojis, Flexitariern, Fake News oder Honks. Selbst Urban Gardening oder facebooken steht jetzt drin. Da steht man doch kurz davor, sich mit dem frischen Werk gleich wieder zu entfreunden.  

"Manche Nutzer glauben, dass es ein Wort nicht gibt, wenn es nicht im Duden steht", sagt Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum. Mit Blick auf die elektronische Gesundheitskarte liegt sie da vermutlich gar nicht falsch. Das Jahrtausendprojekt der deutschen Gesundheitspolitik hat es weder ausgeschrieben noch abgekürzt in die Neuauflage geschafft. Der eGK zum Trost: Auch die Berliner Flughafenbaustelle hat in der Duden-Lotterie wieder eine Niete gezogen.

Besonders groß ist die Enttäuschung im Bundesgesundheitsministerium. Gröhes Sprachfüchse hatten sich so viel Mühe gegeben, Eigenkreationen in der Neuauflage zu platzieren. Um von den Wörtersammlern bemerkt zu werden, müssen Begriffe möglichst häufig vorkommen. Die Gesetzesnamenerfinder haben deshalb fast alles als Stärkungsgesetz bezeichnet, was nicht bei drei im Bundestag war. Doch weder die Gesetze noch der vom Gesundheitsminister gern zitierte Ausgabenüberhang – die schönste Schuldenbezeichnung seit Schäubles schwarzer Null – haben es ins Wörterbuch geschafft. Dafür ist dort genderkorrekt neben dem Gesundheitsapostel auch die Gesundheitsapostelin vertreten. Bei Dudens setzt man halt Prioritäten.

Die Sprachscouts geraten vollends aus dem Häuschen, wenn Wort oder Wendung in vielen Textarten vorkommen: in der Zeitung, im Roman oder in einer Gebrauchsanweisung. Deshalb ist es erst recht unbegreiflich, dass die Duden-Redaktion den Morbi-RSA ignoriert. Denn über kaum etwas anderes im Gesundheitswesen werden mehr Gutachterromane und sachverständige Gebrauchsanweisungen verfasst, ganz zu schweigen von den zahllosen Mythen und Märchen, die sich um ihn ranken.   

Zur Sprachwerk-Stammbelegschaft gehört dagegen Auflage um Auflage die AOK – schließlich sind der Ur-Duden von 1880 und die Allgemeinen Ortskrankenkassen fast ein Jahrgang. Das verbindet.

Gute Besserung,
Ihr Erwin. D. Drüggelte