22. September 2017 Berlin

Achtung - Sie verlassen Ihren Versorgungssektor!

Portrait Erwin D. Drüggelte, Experte
Als Erwin D. Drüggelte macht sich unser Autor Thomas Rottschäfer Gedanken über das Gesundheitswesen. Der Allzweckexperte geistert auch durch seinen Blog satzverstand.de.

 

Gesundheit! Nur zwei Tage bis zur Bundestagswahl. Lassen Sie uns schnell noch mal durch die gesundheitspolitischen Positionen der ernst zu nehmenden Parteien blättern. Da findet sich neben meiner Lieblingsfloskel vom Patienten im Mittelpunkt selbstverständlich wieder der seit vielen Legislaturperioden so beliebt wie bewährte Textbaustein zur sektorenübergreifenden Versorgung. Sie kennen das. Da geht es um diese Warnschilder vor den Krankenhäusern: Achtung, Sie wechseln jetzt vom ambulanten in den stationären Sektor!

Warum gibt es diese "Sektorengrenze" überhaupt? Gesundheitsgeologisch datiert der Riss durch die Versorgungslandschaft zurück ins Mesozoikum. Im Erdmittelalter – irgendwann zwischen Jura- und Kreidezeit – zerbricht der Superkontinent Pangäa unter der Last der Dinosaurier. Auf den Bruchstücken Ambulantis und Stationaeria entwickeln sich in den folgenden Jahrmillionen zwei völlig verschiedene Gesundheitssysteme.

Noch kurz vor Schöpfungsschluss taucht der findige Homo Homöopathicus auf. Er besiedelt zunächst Ambulantis, setzt aber bald auch nach Stationaeria über. Dort lebt der Stamm der Kliniker bereits in festen Häusern. Beide Völker glauben an den gleichen Halbgott in Weiß. Trotzdem flammt immer wieder Futterneid auf.

Noch vor der großen Zeitenwende zum Lahnsteinium* einigen sich Ambulantarier und Kliniker auf die Sauerbruchlinie als natürliche Grenze zwischen ihren Abrechnungssphären. Die zwischenzeitlich erfundenen Kranken- und Gesundheitskassen entwickeln und überwachen ein ausgeklügeltes Überweisungssystem. Das Passierscheinabkommen ermöglicht den Menschen ein auch finanziell halbwegs gefahrloses Überqueren der Sauerbruchlinie.

Vergeblich füllen Heerscharen von Experten Regalkilometer mit Brückenbauplänen und Gutachten zur Überwindung der Spaltung. Erst als Europas letzte Wälder in den Papiermühlen zu verschwinden drohen, kommt es durch Vermittlung der Weltgesundheitsorganisation zu den entscheidenden Vier-plus-Zwei-Gesprächen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen.

150 Millionen Jahre nach dem Auseinanderbrechen von Pangäa einigen sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Deutsche Krankenhausgesellschaft unter der Schirmherrschaft von Orts-, Ersatz-, Innungs- und Betriebssparkassen auf einen konsequenten Fahrplan zur endgültigen Wiedervereinigung von ambulanter und stationärer Versorgung im Jahre 2090.

Der Weg dahin ist gepflastert mit vielen Projekten für ein besseres gegenseitiges Kennenlernen: Praxiskliniken und Klinikpraxen, integrierte Versorgung, ambulante spezialärztliche Versorgung, medizinische Versorgungszentren, bald auch integrierte Notfallzentren und spätestens ab übermorgen auch alles digital.

Im Wahlkampf geht den Parteien das alles viel zu langsam. Aber keine Sorge: Nach dem 24. September ist erst einmal wieder für vier Jahre Ruhe. Denn die schönen Textbausteine lassen sich auch 2021 noch mal gut verwenden. Derweil steht der Patient weiter im Mittelpunkt - und damit genau auf der Sauerbruchlinie.

Gute Besserung,
Ihr Erwin. D. Drüggelte


*Das als Lahnsteinium bezeichnete neue, goldene Zeitalter der Gesundheitspolitik ist benannt nach einer mythischen Begegnung zwischen dem Heiligen Horst (Seehofer) und Sankt Rudolf (Dreßler). Der Legende nach reichten sich die zerstrittenen Gesundheitsapostel 1992 im beschaulichen Lahnstein am Rhein die Hände. Die Versöhnung zwischen Christ- und anderen Sozialdemokraten leitete eine Epoche gewaltiger Gesundheitsreformen ein. Ein Ende ist nicht abzusehen.