13. November 2017 Berlin

Von Zucker-, Sekt- und Tabaksteuersteuer

Portrait Erwin D. Drüggelte, Experte
Als Erwin D. Drüggelte macht sich unser Autor Thomas Rottschäfer Gedanken über das Gesundheitswesen. Der Allzweckexperte geistert auch durch seinen Blog satzverstand.de.

 

Gesundheit! Abgesehen vom allgemeinen Weltklimaschmerz haben mich letzte Woche zwei Nachrichten elektrisiert: Von Januar bis August hat Deutschland 1,9 Millionen Liter mehr Sekt importiert als im gleichen Zeitraum 2016. Und: In meine Lieblingsschokocreme mischen sie jetzt 56,3 statt 55,9 Prozent Zucker. 

Lassen Sie uns das mal unter rein steuerlichen Gesichtspunkten aufdröseln. Wenn wir uns ein Gaumenprickeln gönnen, feiert Vater Staat stets mit. Vor 115 Jahren hat Wilhelm Zwo die Schaumweinsteuer erfunden, um seine neue Flotte abzuzahlen. Die Schiffe sind längst versenkt, doch Champagner und Co. schwemmen noch immer Steuermillionen in die Bundeskasse. Eine knappe halbe Milliarde war es zuletzt – plus 19 Prozent Mehrwertsteuer.

Doch gegen die Tabaksteuer ist der Plopp-Zuschlag immer noch ein Witz. Unter dem Motto "schwarze Lungen für die schwarze Null" hat die Glimmstengel-Gemeinde dem Finanzminister allein im vergangenen Jahr 14,2 Milliarden Euro ins Budget gequarzt. Dank der Steuern büßt die Abteilung Paff & Suff immerhin einen Teil ihrer volkswirtschaftlichen Schuld ab. Obendrein können sich Raucher und Trinker das gesellschaftliche Fegefeuer durch sozialverträgliches Frühableben verkürzen.

Wenn ich mir dagegen die Zuckerfettcreme dick aufs Brötchen streiche, bin ich der absolute Steuersünder: keine Zuckersteuer, keine Fettsteuer, keine Magermilchpulversteuer, keine Kakaosteuer, keine Haselnusssteuer – lediglich lächerliche sieben Prozent Mehrzwergsteuer.

Dabei kann man selbst mit den Tabaksteuermilliarden hierzulande noch nicht einmal zur Hälfte die Diabetes-Behandlung bezahlen. Sieben Millionen Typ-2-Diabetiker zählt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft aktuell; rund 500.000 kommen jedes Jahr hinzu, und es sind immer mehr junge Menschen.

Früher sagte man nicht Diabetes, sondern "zuckerkrank". Das Wort hören Rübenbauern und Süßstoffdealer nicht gern. Sie ärgern sich auch über den Vorwurf, gefährliches Übergewicht könnte nicht nur mit mangelnder Bewegung, sondern tatsächlich auch etwas mit den Unmengen an Zucker in fast allen Lebensmitteln zu tun haben. Das widerspricht diametral den sorgfältigen eigenen Forschungen.

Mediziner, Verbraucherschützer und Krankenkassen versteigen sich jetzt gar zu der Forderung, man müsse die Zuckerflut durch eine Art Gesundheitsabgabe eindämmen. So eine Zuckersteuer gab es in der Bundesrepublik bis 1993.

Doch die in Berlin wie Brüssel beliebte Zuckertruppe muss sich nicht wirklich sorgen. Die Steuer der Schokoherzen ist längst im Ordner "Abgeschossen" abgeheftet, direkt hinter dieser vermaledeiten Nährwertampel. Denn die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat in Deutschland traditionell nicht den gleichen Stellenwert wie der Flottenbau. Halt, das ist jetzt ein bisschen hart formuliert. Sagen wir es so: Eine Bevormundung des mündigen Verbrauchers ist nicht die Aufgabe der Politik.

Mindestens einer der vier potenziellen Jamaika-Partner will deshalb bereits zum 1. Januar 2018 die mündigen Verbraucher von der Tabaksteuer, der Schaumweinsteuer, der Kaffeesteuer, der Alkopopsteuer, der Biersteuer, der Branntweinsteuer, der Energiesteuer und von der Stromsteuer erlösen. Das nenne ich konsequent.   

Gute Besserung,
Ihr Erwin. D. Drüggelte