29. Dezember 2017

Mit gutem Vorsatz scheitern

Portrait Erwin D. Drüggelte, Experte
Als Erwin D. Drüggelte macht sich unser Autor Thomas Rottschäfer Gedanken über das Gesundheitswesen. Der Allzweckexperte geistert auch durch seinen Blog satzverstand.de.

Gesundheit! Kaum ist Weihnachten aus dem Haus, steht Silvester vor der Tür – mit der lästigen Frage im Schlepptau, welche guten Vorsätze es denn zu Neujahr 2018 sein dürfen. An Vorschlägen dazu mangelt es nicht: 708.000 Ergebnisse wirft Google in 0,30 Sekunden zum Suchbegriff „Gute Vorsätze“ aus. Scharen von Psychologen mit Jahreswechsel-Weiterbildung stehen uns bei der Suche nach geeigneten Vorsätzen hilfsbereit zur Seite.

Auch meine Absichten für 2018 liegen wieder ungeahnt vielen Menschen am Herzen. Das Sportstudio in der Nachbarschaft rät mir dringend zum Besuch eines Sportstudios. Meine unerschütterlich optimistische Gesundheitskasse will mir helfen, 2018 nicht krank zu werden. Ein Ökostromanbieter redet mir den Vorsatz ins Gewissen, ab Januar endlich auf Braunkohleverstromung im Keller zu verzichten. Zwei Banken und eine Sparkasse wollen den zu meiner pfiffigen Anlegerpersönlichkeit passenden Entschluss unterstützen, das Zinstief 2018 mit Mischfonds aufzumischen. Und mit Post von heute hat mich eine besorgte Assekuranz über ihre brandneue Vorsatzversicherung informiert. Nur noch bis zum Silvester (23.59 Uhr) kann ich sie zur Vorteilsprämie und ohne Gewissensprüfung abschließen.  

Alles gut gemeint, aber vergebens. Denn wie vor einem Jahr halte ich mich an die Empfehlung der Aktionsgemeinschaft gegen gute Vorsätze (AGggV). Silvester 2016 habe ich mir für 2017 nichts vorgenommen – nix, nothing, niente. Das war der erste Neujahrsvorsatz meines Lebens, den ich zwölf Monde lang durchgehalten habe – wobei ich meinen eisernen Willen nicht unerwähnt lassen möchte.

Damit gehöre ich zu den nur fünf Prozent Charakterfesten im Land, die es nach einer aktuellen Studie des Hamburger Vorsatzforschungsinstituts schaffen, Neujahrspläne mindestens bis Sommeranfang durchzuhalten. Vermutlich haben von diesen fünf Prozent bei der Befragung mindestens 75 Prozent gelogen. Der Rest hatte sich vermutlich vorgenommen, erheblich weniger zu arbeiten, Sportunfälle konsequent zu vermeiden, öfter mal wieder mit dem Auto Brötchen holen zu fahren, im Hallenbad ohne Helm zu schwimmen oder nur noch an jedem zweiten Schultag die Hausaufgaben der Kinder zu erledigen (verrückt!).

Doch nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich würde mich über gute Vorsätze lustig machen. Im Gegenteil: Das Versagen beim Vorsätze-Durchhalten ist sozialpsychologisch extrem wichtig. Es ermöglicht auch chronisch erfolgreichen Menschen das gesellschaftlich inzwischen unentbehrliche Erlebnis des Scheiterns. Denn nicht erst seit dem Platzen der Jamaika-Blase gilt Scheitern hierzulande als entscheidender Baustein des Erfolgs.

Wenn Sie nicht schon mal irgendwann mit irgendwas so richtig gescheitert sind, brauchen Sie sich für Führungsaufgaben erst gar nicht bewerben. Zum Stichwort „Scheitern als Chance“ liefert Google übrigens 291.000 Einträge in 0,25 Sekunden.

Gute Besserung und ein gutes neues Jahr!
Ihr Erwin D. Drüggelte